Die Welt um mich herum in Fotos und Texten

Buchkritik: Rami Kaminski – Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen

Im November las ich zufällig ein Interview in der taz, in dem der US Psychologe Kaminski über seine Erkenntnisse zu dem von ihm „otrovertiert“ genannten Menschentyp befragt wurde.

Während seiner Ausbildung und auch später als niedergelassener Arzt stieß er immer wieder auf Patienten, die sich bewährten und anerkannten Heilmethoden scheinbar widersetzten.

Kaminski forschte genauer nach und kam zu der Überzeugung, daß der Grund für das Leiden dieser Menschen woanders lag: sie mussten aus familiären oder gesellschaftlichen Zwängen ihrer innersten Überzeugung zuwider handeln, was irgendwann zu schweren psychischen Problemen führte.

Sie fühlen sich nicht zu einer Gruppe (familiär, gesellschaftlich, politisch) zugehörig und empfinden ihr Anderssein als Belastung, weil sie es ihren Mitmenschen nicht vermitteln bzw. diese es nicht verstehen können.

Während ich das alles las, dachte ich immer „Mensch, der redet doch von mir. Dieses Gefühl, diese Situation kommt mir bekannt vor. Bin ich vielleicht auch otrovertiert?“ und ich beschloss, tiefer in das Thema einzusteigen und sein Buch zu kaufen.

Buch Kaminski.

Kaminski schreibt in lockerem, verständlichen Stil und erklärt seine Erkenntnisse anhand Beispielen aus der Praxis. Zwar ging es mir nie so schlecht, wie den Patienten im Buch, aber ich kann deren Probleme sehr gut nachvollziehen.

Auch ich kenne die (liebevollen) Ermahnungen der Eltern „Junge, du kannst doch nicht immer zuhause sitzen. Geh doch mal raus, triff dich mit anderen.“ Aber ich wußte nicht, was ich mit anderen Jugendlichen zusammen machen sollte oder fühlte mich in deren Gesellschaft unwohl.

Das Buch hat mir manches erklärt, was mich mein Leben lang beschäftigt hat. Meine Abneigung gegen jegliche Art von „wir gegen die anderen“, mein großes Unbehagen bei beruflich bedingten Veranstaltungen, Cliquenbildung, meine Freude am Alleinsein oder Gesprächen mit einzelnen Personen.

Der umfangreiche Test am Ende des Buches hat es mir dann schriftlich bestätigt: ich bin otrovertiert.

Ich kann aber nachvollziehen, wenn andere Menschen mit diesem Buch nichts anfangen können oder sie es als Unfug abtun. Sie sind eben extro- bzw. introvertiert und daher kaum fähig, sich Ortovertiertheit vorzustellen.

Wie der Kölner sagt „Jede Jeck is anders“ und mit den Otrovertierten kommt eine besondere Gattung Jecken dazu und macht das Leben aller reicher.

2 Kommentare

  1. werschreibt

    Vorweg: Ich kenne Kaminski nicht.
    Als Psychologe weiß er aber sicherlich auch, dass wir gern das bestätigt bekommen wollen, was wir uns eh schon dachten. Daher hat er den Test am Buchende bestimmt so aufgebaut. Und so kaufst du dann auch sein nächstes Buch.

    „Junge, du kannst doch nicht immer zuhause sitzen. Geh doch mal raus, triff dich mit anderen.“ kenne ich ebenfalls von früher.
    Da standen meine Schulkameraden auch abends einige Male bei uns unangemeldet (Handy gab’s nicht) vor der Tür und wollten mich zur Disko mitnehmen. Ich habe immer abgelehnt und irgendwann gaben sie auf.

    • Martin

      Wie ich schrieb „Ich kann aber nachvollziehen, wenn andere Menschen mit diesem Buch nichts anfangen können“. 😉

      Und ich werde mir kein anderes Buch von Kaminski kaufen. Mir reicht dieses.

Schreibe einen Kommentar zu Martin Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

© 2026 51 Nord

Theme von Anders NorénHoch ↑