51 Nord

Die Welt um mich herum in Fotos und Texten

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Beobachtungen im Wartezimmer

Eine ältere Dame betritt die Praxis. Die langen grauen Haare zum Zopf gebunden, gekleidet in ein graues, gestricktes Dreiecks-Cape, darunter ein dunkellila Pullover, etwas hellere Armstulpen und Loopschal. Ihr grauer Strickrock endet etwa zwei Handbreit über den Knien, die Beine stecken in einer dunkelrot/schwarzen Strumpfhose, die über den Knöcheln von grauen Häkelstulpen überdeckt wird.
Sie setzt sich anmutig auf einen Stuhl, schlägt die Beine übereinander und wippt die ganze Zeit so kräftig mit dem linken Fuß, daß das frei hängende rechte Bein weit ausschwingt.
Ihrer Haltung und den Bewegungen nach könnte sie Ballettänzerin sein.

In der Ecke stehen drei junge Burschen, etwa 17/18 Jahre alt und unterhalten sich halblaut in einer fremden Sprache. Einige Worte klingen italienisch, dann wieder ist es ganz unbekannt, aber immer sehr angenehm anzuhören.

Eine Mutter mit erwachsenem Sohn geht vorbei. Der junge Mann leidet unter spastischer Lähmung, geht angestrengt auf den Zehenspitzen und gibt die ganze Zeit quitschende oder gurgelnde Laute von sich. Er trägt eine verwaschene Jeans und rot/silberne Sneaker. 

Ein junges Mädchen bittet wortreich um einen Termin, setzt sich und noch bevor sie den Stuhl berührt, hat sie ihr Smartphone in der Hand. Deutlich sieht man, daß das Display gebrochen ist. Bis sie zum Arzt reingerufen wird, legt sie das Gerät nicht aus der Hand und starrt gebannt darauf.

Früher war alles besser!

Diese Spruch, in meiner Jugend von älteren Menschen mit Nachdruck und Vorwurf gerne ausgesprochen, hat mich immer genervt. Ich fand die Welt, in der ich lebte, ganz toll so wie sie war.

Heute merke ich, daß mir der Satz auch manchmal in den Kopf kommt. Und dann beiße ich mir auf die Zunge, um ihn nicht laut rauszuposaunen. 
Ich glaube nämlich nicht, daß früher grundsätzlich alles besser war. Es ist wohl eher so, daß man in der Jugend einen engeren Horizont und naturgemäß weniger Erfahrungen hat. Nach der Schulzeit ändert sich das nach und nach. Einige wichtige Erlebnisse, die mein weiteres Leben prägten, hatte ich im Alter zwischen 16 und 25 Jahren: das erste Mal Hard Rock hören, der erste Kuß, der Tod geliebter Menschen und einiges mehr.

Im Nachhinein ist die Aussage „früher war alles besser“ teilweise richtig, weil ich in dieser Zeit viele Dinge gelernt und wichtige Erfahrungen gemacht habe. 

Aber was spricht dagegen, auch heute Neues zu lernen und neue Erfahrungen zu machen? Warum fällt mir das schwer? Könnte es sein, daß ich durch die alltägliche Routine zu sehr abgelenkt bin? Daß mir die Sicht auf und das Empfinden für Neues versperrt ist?

Könnte es sein, daß das Leben, das man als junger Mensch ja erst erfahren und erfüllen muß, in späteren Jahren deswegen schlechter erscheint, weil man oft vorher weiß, wie Sachen ablaufen oder wie Menschen reagieren werden? Daß man die Unbekümmertheit der Jugend verloren hat und deswegen frustriert ist? 

Schreibt mehr Briefe

In unserer heutigen Zeit mit den vielfältigen elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten und der ständigen Erreichbarkeit, scheint Briefe per Hand zu schreiben, veraltet und rückständig. Aber sich dafür Zeit zu nehmen und jemanden mit persönlicher Post zu überraschen, bringt Freude und Befriedigung mit sich.

Um diese alte und kostbare Tradition zu fördern, haben zwei junge Amerikanerinnen vor einigen Jahren die Letter Writers Alliance gegründet. Um ihrem Motto „Schreibt mehr Briefe“ Nachdruck zu verleihen und die Menschen zum Schreiben anzuregen, bieten sie auf ihrer Webseite viele nützliche Kleinigkeiten an: Briefpapier, Stempel, Aufkleber und Stifte sollen Spaß machen und inspirieren.

Und seit heute bin ich auch offizielles Mitglied der Vereinigung!

 

 

Überleben oder Farbe?

Unser Patenkind leidet am ersten tödlichen Männerschnupfen seines noch kurzen Erwachsenenlebens und wir wollen ihm etwas Gutes tun. Neben Bonbons als Seelentrost sind da natürlich Tempotaschentücher enorm wichtig. 

So steuere ich im Supermarkt zielstrebig das Regal in der Hygieneabteilung an und greife das größte Paket der Firma Tempo heraus. 

„NEIN“, schreit meine Frau entsetzt auf, „das sind doch bunte! Die können wir doch einem Jungen nicht mitbringen!“

„Was?“, gebe ich zurück, „der Bursche soll da reinrotzen, nicht die Tücher angucken!“

Neben mir kichert eine junge Frau „Ja, ja, das sage ich meinem Mann auch immer. Der will sowas auch nicht.“

„Ach, Männer,“ motze ich abfällig, „alles Warmduscher! Sterben an einem kleinen Schnüpferchen, aber ein bißchen Farbe im Leben wollen sie nicht.“

Der Gatte der Dame steht verlegen daneben und murmel mit hochrotem Kopf „Aber ich mag doch keine bunten Taschentücher.“ 

„Na gut“, sage ich, „eigentlich soll man solchen Unfug nicht unterstützen, aber dann nehmen wir halt langweilig weiße. Nicht daß der Junge seelischen Schaden nimmt und ich Ärger mit den Eltern kriege.“

Der Mann seufzt erleichtert auf; wieder ein Leidensgenosse vor Peinlichkeiten gerettet. Seine Frau zwinkert mir amüsiert zu und zieht mit ihm im Schlepptau weiter in die Tiefen des Konsumtempels. 

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